Erstellungsdatum: 02/02/2010 letzte Änderung: __/__/____



Gehe zurück zur Hauptseite:
WWW.MUKOLAND.DE


Angehörige von Organspendern treffen Transplantierte


Guten Tag liebe Mukoland Besucher !

Johannes Schmidt, doppellungentransplantierter CF-ler berichtet hier im Mukoland über ein Treffen, wo sich Angehörige von Organspendern mit transplantierten Menschen getroffen haben. Es wurden extra keine Namen bzw. Ortsangaben gemacht. Ich danke Johannes recht herzlich für diesen Bericht.



Seit einem Jahr ringe ich mit mir, ob ich über dieses Erlebnis berichten sollte oder nicht . . . . . . aber ich bin nun der Auffassung, dass es doch wichtig ist, darüber zu berichten. Vielleicht kann ich auch helfen, Ängste oder Misstrauen abzubauen, aber lest bitte selbst.

Ich habe diesen Bericht anonym geschrieben, ohne Austragungsort und ohne Namen, zum Schutz aller Beteiligten.

Im Dezember 2008 hatte ich die Möglichkeit durch den DSO (Deutschen Stiftung für Organtransplantation) bei einem Angehörigentreffen dabei zu sein. Ich habe schon einige Male mit verschiedenen Koordinatoren zusammen gearbeitet, um u.a. Aufklärungsarbeit zu leisten. Diese Menschen haben sich dazu bereit erklärt, den Willen des Verstorbenen umzusetzen oder haben diese Entscheidung für Ihren Verstorbenen getroffen. Ohne diese Menschen und natürlich dem Organspender, würde ich heute nicht diese Zeilen hier schreiben können!

Solche Treffen werden von der DSO allen Angehörigen angeboten und eine Teilnahme ist freiwillig. Bei diesem Treffen, im Beisein einer Ärztin, eines Psychologen und zwei Transplantierten, wird über den Verlust des geliebten nahestehenden Menschen gesprochen. In der Regel beginnt das Treffen gegen 10 Uhr mit ca. 10 Angehörigen. Alle Teilnehmer saßen in einem Kreis und jeder Angehörige konnte sich kurz vorstellen. Natürlich bestand auch die Möglichkeit, sein Erlebnis genauer erzählen. Für mich war es eine sehr stressige und aufregende Situation, ich hatte Hochachtung vor den Angehörigen. Ich hörte sehr erschütternde Geschichten, die mich tief betroffen machten. Auch empfand ich tiefe Dankbarkeit gegenüber den Spendern und Angehörigen. Somit durfte ich einen Einblick bekommen, wie gesunde Menschen auf einmal zu Organspendern werden. Ob missglückter Suizidversuch, Gehirnbluten ohne Vorwarnung oder einfach nur ein gesunder Mensch, der auf der Straße umfällt. Alle diese Ereignisse konnte ich aus den Erzählungen wahrnehmen. Die Stimmung war angespannt, Trauer und Wut waren zu spüren. Es flossen viele Tränen, auch ich musste mich sehr zusammen reißen, alles im Griff zu haben.

Nachdem die Vorstellungsrunde vorbei war, gab es eine kleine Pause. Eine Familie verabschiedete sich bereits nach dieser Vorstellungrunde. Es war zu sehen, dass es ihnen zu viel war und sie wollten nicht weiter daran teilnehmen. Auch wenn es 1-2 Jahre her war, wo ihre Erlebnisse geschehen sind, spürte man, dass die Wunden aufgerissen wurden. Für einige war dies sehr schwer. Wir, eine Nierentransplantierte und ich, hatten auch die Aufgabe, uns "Symbolisch" bei den Angehörigen für alle Transplanierten zu bedanken. Somit überreichte ich der Familie eine weiße Rose und bedankte mich für ihr dabei sein und wünschte alles erdenklich Gute.

Alle Angehörigen hatten außerdem die Aufgabe, ein Erinnerungsstück von ihrem Verstorbenen mit zu bringen. Ebenso gab es einen Tisch, der mit verschiedenen Gegenständen, gestellt von der DSO, gefüllt war, vom Kuscheltier Teddy bis hin zu einer kleinen Uhr. Die Angehörigen wurden nun aufgefordert, an den Tisch zu gehen und sich einen Gegenstand zu nehmen, welchen sie mit dem Verstorbenen in verbunden bringen. Nun ging es darum, mit dem Gegenstand über den Verstorbenen zu erzählen, was ihn damit früher verbunden hat.

Auch da empfand ich die Geschichten als sehr schmerzhaft.

Man merkte die Wut, die diese Menschen hatten. Warum ist das meiner Tochter gerade passiert und nicht einer anderen??? Warum musste ich das alles durchmachen? Alle diese Emotionen spürte ich sehr intensiv.

Nachdem diese Runde zu Ende war, wurde uns ein Mittagessen angeboten und wir hatten alle mindestens eine Stunde Zeit, um neue Kraft zu schöpfen. Es entwickelten sich Gespräche und auch ich erzählte ein wenig, was ich alles erlebt habe. Nach dem guten Mittagessen begann sozusagen die 2. Runde.

Bevor ich zu diesem Treffen zustande kam, hat mir der Koordinator des DSO, ein paar Bilder per Email zugesendet, wo ich mich entscheiden musste, was zu mir passt und ich ein paar Worte dazu sagen konnte.

Ich nahm ein Bild, wo eine Person auf dem Boden saß. Dieses Bild erinnerte mich daran, das ich oft am "Boden" zerstört war und nach Luft rang.

Genau mit diesen Worten teilte ich dies den Zuhörern mit und erzählte meinen Leidensweg vor der Transplantation. Als diese Runde beendet war, war es wieder an der Zeit, uns symbolisch bei allen Angehörigen zu bedanken. Wir gingen an jede Person recht nah ran und gaben jedem eine Rose und eine Karte in die Hand. Eine Person nahm mich den in Arm und weinte…sie war sehr dankbar, das es mir als Empfänger so gut geht. Ich war sehr berührt von der Anteilnahme und es viel mir immer schwerer, in diesem Raum zu sein!

Zum Schluss wurde jeder eingeladen, den Tag Revue passieren zu lassen. Viele Angehörige fanden es gut, einen Transplantierten zu sehen. Sie konnten sich davon überzeugen, dass es ihm gut geht und die Organspende NICHT sinnlos war. Vielen sah ich an, dass sie geschafft waren und psychisch am Ende ihrer Kräfte waren.

Nachdem das Feedback zu Ende war, gab es noch die Möglichkeit, Anregung oder auch Kritik zu äußern. Viele Angehörige berichteten, dass sie auch erleichert waren, viele Fragen/Antworten bekommen zu haben und ihre damalige Entscheidung für Organspende wurde positiv bekräftigt.

Dieser Tag war sehr anstrengend, aber auch bedeutsam. Ob ich nochmal so ein Treffen mitmachen werde? Ich kann nur sagen, jetzt gerade nicht, aber unvorstellbar ist es für mich nicht. Ich habe soviel erlebt, die schwere Operation, Komplikation, die Nachsorge, der anonyme Brief an meinen Organspender und deren Angehörigen. Zum Schluss durfte ich erfahren, wie es Menschen geht, die die Organe ihrer Angehörigen zur Organspende freigegeben haben. Dadurch wurde mir ein neues Leben geschenkt.

Herzlichen Dank!

Euer Johannes



Johannes Schmidt
Private Blog von Johannes Schmidt aus der Dresden


Klickt oben auf den Link, und ihr gelangt auf Johannes Seite im Internet !